Selbstverständnis

 

SAPPERLOTT !

Selbsthilfe Augsburger PsychiatrieErfahrener e.V.
c/o Haus Tobias Stenglinstraße 7 86156 Augsburg
 

Unser Selbstverständnis als Betroffene / Unsere Position im Umgang mit Psychiatrie

 

Von Günter Brand im Auftrag des Vorstands

Wir verstehen uns nicht als ‚Konkurrenz’ zu Bestehendem,
weder zu Psychiatrie, institutionalisiert, ambulant, niedergelassen,
noch zu sozialpsychiatrischen Diensten verschiedenster Art, angesiedelt bei verschiedenen Trägern.

Wir sehen weder Sinn noch Nutzen für die Mitglieder unseres Selbsthilfevereins oder sonstige von Psychiatrie Betroffene darin,
vermittels Konfrontation, mit Versagensvorwürfen gegenüber Institutionen und Personen zu arbeiten.
Wir gehen ganz grundsätzlich von der Annahme aus, daß alle wie auch immer im Einzelfall mit Psychiatrie Befaßten und Tätigen aus der Absicht heraus handeln,
das für die Betroffenen Bestmögliche zu erreichen.

Und das auf der Grundlage einer Politik der wohlwollend leeren Kassen, die es den Beteiligten in oft kaum nachvollziehbarer Weise erschwert,
das jeweils als sinnvoll wie fachlich für notwendig und richtig Erkannte zu tun.
Oft und absurder Weise gerade dann nicht, wenn mittel- oder längerfristig dadurch Einsparungen zu erzielen sein könnten.

Wir denken, daß es das zumindest vorläufig Beste sein wird, der Politik zu geben, was der Politik ist, und ansonsten als Betroffene das uns Mögliche zu tun.

Das uns Mögliche ist es mit Sicherheit, daran zu arbeiten und mitzuarbeiten, daß eine breite Basis des wechselseitigen Verständnisses und Vertrauens
zwischen Professionellen und Betroffenen zum selbstverständlichen Standard werden kann.
Das uns Mögliche und für sinnvoll Erkannte werden wir gerne tun.

Was wir mit Sicherheit nicht tun werden, das ist, die häufig den Mitarbeitern der Psychiatrie pauschal vorgehaltene Arroganz,
ob nun im Einzelfall zu Recht oder zu Unrecht, umgekehrt selbst zu praktizieren.
Denn eins ist sicherlich wahr: So wenig wie anderen Menschen steht uns, den von psychischer Krankheit und in deren Folge von Psychiatrie Betroffenen
‚Wahrheit’ in sozusagen Erbpacht zur Verfügung, noch haben wir die Klugheit ‚mit größeren Löffeln gefressen’ als Andere.

Unbestreitbar ist es für mich, daß kein Arzt der Welt jemals auf den Gedanken gekommen wäre, sich mit ‚uns’ befassen zu wollen, gar müssen – wären ‚wir’ nicht, egal wie es medizinisch betrachtet wird: Seele!, Stoffwechsel!, Weizenbier!, als Betroffene gelegentlich, oft wiederholt, ein mehr oder weniger großes Stück
neben der eigenen Kappe gestanden, herumgelaufen. Der eigenen, wohlgemerkt.

Sie ist es, die, neben einigen objektivierbaren Kriterien, unserer Meinung zufolge den eigentlichen, den persönlichen Maßstab für Ver-rückt-sein darstellt.
Überdies hinaus den eigentlichen, den ur-persönlichen Anlaß zu: Krankheitseinsicht. Ohne diese Einsicht ist sinnvolle Therapie, gar: Heilung, nicht möglich.

Allerdings, der Weg von der geforderten zur selbsterlangten und deshalb nachhaltigen Einsicht, die ihr vorausgehende Überwindung der Traumatisierung
durch die demütigende Diagnose einer Psychose vulgo Geisteskrankheit, ist zumeist ein schwerer und lang andauernder;
ohne die zeitweilige Inanspruchnahme von Psychiatrie ist es oft ein aussichtsloser.

Wenn nun auch, bedauerlicherweise, viele von uns Psychiatrieerfahrenen mit bestimmten, in der Ärzteschaft wie dem Pflegepersonal vorkommenden menschlichen Unzulänglichkeiten und Fehlern so manche Male sehr unerfreuliche Erlebnisse gehabt haben mögen, so spricht dennoch nichts gegen die grundsätzliche Feststellung, daß die in der (Sozial-)Psychiatrie tätigen Menschen mehrheitlich in besten Absichten, aus der Absicht heraus, Betroffenen zu helfen, handeln.

So, wie auch wir uns bemühen zu handeln:

Als Menschen ganz einfach, die aus eigener Betroffenheit,
angesichts eigener Fehlbarkeit und Unzulänglichkeit,
allemal aus guten Absichten heraus sich bemühen.

Menschen, die guten Willens und befähigt sind,
mit den Unzulänglichkeiten anderer
nachsichtig und verständnisbereit umzugehen wie mit den eigenen.

Die in der Lage sind, in der Kette von Versuch und Irrtum, erneutem Versuchen, Erfolg,
einen nötigenfalls lebenslangen Lernvorgang mit nicht unbedingt vorhersehbarem Ausgang zu sehen.

Menschen, die aus dem achtsamen Umgang mit sich selbst wie anderen heraus
in Selbstverantwortung und Rücksichtnahme auf die Interessen Anderer
ein Miteinander leben können.

Menschen, die dieses Miteinander anstreben,
im gegebenen Fall aber die Auseinandersetzung darum,
wie dieses im Detail gestaltet werden solle, nicht scheuen.

Selbstverantwortung, Selbsthilfe,

die Begriffe sagen es ja ganz deutlich,

haben ihren Beginn und Ausgang bei jeder(m) Einzelnen selbst.

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