Pressemittleilung der Pandora Selbsthilfe-Erfahrener e.V. zur Petition Entgeltsystem in der Psychiatrie (ID 46537)

Pandora Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener e.V.

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PRESSEMITTEILUNG

Petition zum Entgeltsystem in der Psychiatrie (ID 46537) gewinnt über 43.500 UnterstützerInnen. Selbsthilfeverein Pandora kämpft weiter für ein menschen-würdiges Entgeltsystem in psychiatrischen Kliniken!

Der seelisch kranke Mensch und seine Gesundung muss das Maß aller Entgelte sein!

Nürnberg, 03.03.14: Der Verein Pandora Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener e.V. hat mit seiner Petition: „Neues Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychosomatik frühes-tens 2017“ mehr als 43.500 UnterstützerInnen gewonnen. Angesichts dieser beein-druckenden Zahl sollte der Petitionsausschuss des Bundestags öffentlich über diese Angelegenheit beraten.

Argumente für ein alternatives Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychosomatik:

  • Ein sinnvolles Entgeltsystem reagiert flexibel auf Schwankungen im Befinden der PatientInnen und setzt keine finanziellen Anreize, diese aus wirtschaft-lichen Gründen zu entlassen, bevor sie dafür stabil genug sind. Ein Entgelt-system wie das pauschalierende Entgeltsystem für Psychiatrie und Psycho-somatik (PEPP) ist ungeeignet, weil es mit seinen diagnoseabhängigen, linear degressiven Tagesentgelten wirtschaftlich bedingte Zeitvorgaben für die sta-tionäre Behandlung verursacht. Weder lassen sich die Behandlungsbedürf-nisse des individuellen Patienten anhand einer Diagnose pauschalisieren noch ist die Behandlungsdauer im Einzelfall vorhersehbar.
  • Ein gutes Entgeltsystem verführt Kliniken nicht dazu, aufgenommenen Patien-tInnen im Zweifelsfall eine schwerere, weil kostenträchtigere Diagnose zu ge-ben. Jede Diagnose beeinflusst das gesamte weitere Leben eines Menschen und hat Rückwirkungen auf dessen Selbstwertgefühl und sein gesamtes psy-chisches Befinden.
  • Ein sinnvolles Entgeltsystem muss so viel Klinikpersonal ermöglichen, dass eine menschlich zugewandte Behandlung gewährleistet ist. Deshalb muss die PsychPV erhalten bleiben.
  • Ein akzeptables Entgeltsystem darf Kliniken nicht dazu bringen, psychiatrische PatientInnen aus Kostengründen „instabil“ zu entlassen, solange diese – auch wenn sie nichts lieber tun als möglichst schnell der Psychiatrie zu entkommen – noch in ihrer eigenen Realität gefangen und unfähig sind, die gemeinsame Realität der Anderen zu teilen. Wenn sie ihre „Verrücktheit“ nach ihrer Ent-lassung innerhalb der sog. normalen Gesellschaft ausleben müssen, führt das zu weiterer Stigmatisierung aller psychisch erkrankten Menschen in der Ge-samtgesellschaft.

Eine „instabile Entlassung“ bringt außerdem viele PatientInnen dazu, die ver-ordneten Medikamente wegen der erlebten unangenehmen Nebenwirkungen sofort nach der Entlassung unsachgemäß abzusetzen. Sich daraus ergeben-de Rebounds/Rückfälle ziehen nicht nur erneut zu finanzierende Klinikauf-enthalte nach sich, sondern setzen bei den PatientInnen eine Abwärtsspirale in Gang, die viel zu oft in Verzweiflung, Perspektivlosigkeit, Chronizität und un-nötiger Verrentung endet.

  • Ein gutes Entgeltsystem muss allen PatientInnen, auch den sog. chronischen, eine Behandlung gewährleisten, die ihnen so viel oder so wenig Zeit belässt wie sie benötigen, um innerhalb ihrer individuellen Befindlichkeit und ihres per-sönlichen Zeitbedarfes wieder so gesund zu werden, dass sie nach dem stat-ionären Aufenthalt in der Lage sind, ambulante Hilfen zu nutzen.
  • Ein sinnvolles Entgeltsystem muss durchlässig sein hin zum komplementären Behandlungssystem, wenn es PatientInnen besser geht und zurück zur statio-nären Behandlung, wenn Verschlechterungen oder Krisen eintreten.
  • Mittlerweile konnte wissenschaftlich belegt werden, dass es sachgerechte Alternativen zu PEPP auf der Basis von tagesbezogenen Entgelten gibt. Diese müssen auf jeden Fall geprüft werden, bevor ein System etabliert wird, das die langfristige Gesundung psychiatrischer PatientInnen gefährdet. Um das zu er-möglichen, muss die verbindliche Einführung des PEPP um mindestens 2 Jahre verschoben werden.

„Jeder Mensch braucht seine eigene Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Dieser Tatsache muss ein sinnvolles Entgeltsystem in der Psychiatrie und Psychosomatik Rechnung tragen.“, erklärt die Vorsitzende von Pandora, Brigitte Richter, „Pandora wird nicht aufhören, das zu fordern.“

Die Petition erhielt breite Unterstützung von Fachverbänden und aus der Zivilgesell-schaft. Der Verein Pandora ist zuversichtlich, dass es zu einer öffentlichen Anhörung vor dem Petitionsausschuss des Bundestages kommen wird. Demnächst wird das Thema PEPP im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages behandelt.

 

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Ein Kommentar zu Pressemittleilung der Pandora Selbsthilfe-Erfahrener e.V. zur Petition Entgeltsystem in der Psychiatrie (ID 46537)

  1. Dr. med. Michael Purucker sagt:

    Liebes Pandora-Team,

    als Psychiater, Psychosomatiker, tiefenpsychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Ltd. Oberarzt der Abteilung für Psychotherapie des BKH Bayreuth unterstütze ich Ihre Petition gegen PEPP sehr nachdrücklich,
    da nach unserer Erfahrung eine Stabilisierung und Besserung auch bei intensiver Komplexpsychotherapie bei vielen Patienten erst nach mehreren Monaten eintritt; dies betrifft z. B. Patienten mit chronifizierter Depression und Suizidalität
    im Zusammenhang mit Traumatisierung.
    Die Behandlungen sind meistens mit ziemlichen Krisen verbunden, so dass
    über die ganze Zeit eine komplexe Behandlung mit berufsübergreifendem Team notwendig ist; auch für unser stationsintegriertes tagesklinisches Setting
    sind die Patienten oft über lange Zeit nicht ausreichend stabil.
    Auch die Überleitung in eine ambulante Therapie ist erst nach langer Zeit möglich. Wir haben zur stationären Psychotherapie und Behandlunsgdauer
    bei schweren Erkrankungen einiges publiziert
    (Michael Purucker et al, Sprecher der AK der Psychotherapiestationen
    der bayerischen BKH).

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